Dienstag, 17. Februar 2009
Krämers Reise - Teil I
yogiwee, 03:27h
Krämer ist diese Wochenende zu einem Fest unter Hippies auf dem Land eingeladen. Mit Mißtrauen, Norwegerpulli und unpassenden Turnschuhen macht er sich auf, den Glauben an den Zufall zu verlieren. Wenn ihm das mal nicht auf den Keks geht...
"Ach, die Hippies werden da schon nicht so viel reingetan haben“, dachte Walter ein wenig abschätzig. "Zum Mantrensingen muss es ja noch reichen und die ganzen Chakren wollen auch nicht so durcheinender gewirbelt sein." Zwei Kekse für den Anfang sollten Genügen. Er gab die Dose weiter. Die Leute saßen im alten Pferdestall um den offenen Kamin herum. Es war viel zu kalt um draußen zu feiern, aber darum kümmert sich ja so ein Vollmond nicht. Am Buffet gab es allerlei Gematschtes: braunes, dickflüssiges Zeug, das nahrhaft, irgendwie salzig und von ähnlicher Konsistenz war, wie der Durchfall, den es produzierte. Walter war nicht direkt nen Hippie, auch wenn er mit seinen Dreads und dem alten Norwegerpulli, den er heute extra angezogen hatte, gut ins Bild passte.
Alle 10 Minuten öffnete sich die niedrige Tür zur Sauna und lachend und kreischend quollen dampfend ein paar behaarte Nackte heraus um wenig später genauso schnell wieder hinter der Tür zu verschwinden.
Krämer dachte einen Augenblick über die Möglichkeit nach, Teil der verschwitzten Meute zu werden, verwarf sie aber dann: So ruhig in der Sauna zu sitzen, dazu war er noch zu zappelig. "Später vielleicht", murmelte er vor sich hin und zog selbstvergessen an der wurstförmigen, schlecht gedrehten Tüte. Er kannte nur wenige der Leute hier. natürlich Jess, die eingeladen hatte und Olaf mit dem meckernden Lachen, der früher Mal mit Maren zusammengewesen war. Und Malu, die gerade mit wogenden Brüsten durch den Schnee gerannt war. Er hätte sie gerne umarmt, aber er wusste nicht, was sie davon halten würde, so nackt, wie sie war. Also hatten sie sich nur zweimal gegrüßt und wenn er jetzt so darüber nachdachte, hatte sie ihn gar nicht so richtig wahrgenommen. Schließlich war er doch nie hier, und sie hatte ihn mal toll gefunden. Vielleicht war das einfach ihr Gebiet, ihr Revier hier, und er konnte nicht damit rechnen, dass er sie beeindrucken konnte, so unscheinbar, wie er hier saß.
Walter beobachtete die anderen. Das Mädchen mit den hellbraunen, schulterlangen Haaren, das aussah wie ein pubertierender Junge. Und Tusnelda mit den vorstehenden Zähnen, die ihm immer noch ihre Ökorundmails schickte. Er konnte sie noch nie leiden. Jedes Mal, wenn er sie sah, fragte er sich, wie man jemand so nennen konnte. Die anderen nannten sie Nelda, das ging ja noch. Walter hatte einen Hang dazu, Leute, die ihm fremd und nicht gleich sehr zuvorkommend behandelten, abzuwerten. Er hielt sich für einen großen Individualisten, sehr reflektiert, äußerst verständnisvoll, glaubte an seinen scharfen Verstand, seine grenzenlose Phantasie und hielt sich für unwiderstehlich, wenigstens aber für die Hauptfigur jedes Geschehens. Man könnte das für vermessen halten, aber im Grunde genommen hatte er ja Recht:
Er war nun mal er, wenn ihm auch nicht ganz klar war, wie sein ich ausgerechnet in diesen Körper gekommen war. Und da war es allemal besser, den Kerl, mit dem man zwangsläufig sein ganzes Leben verbrachte, immerhin schon 31 Jahre also, zu mögen und in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Natürlich scheiterte er immer wieder an seinen eigenen Ansprüchen. An guten Tagen konnte er über sich selber lachen, an schlechten - wie heute - verlor er rasch sein ganzes Selbstvertrauen und fand sein Ego dann - platt gedrückt von seinen enttäuschten Erwartungen - wie eine Wanze über den Boden kriechen und abstoßend stinkend wieder.
Immerhin, die eine mit den rotbraunen Haaren gefiel ihm - mühsam riss Walter sich von seinen Gedanken los. Nicht, dass sie so hübsch gewesen wäre, nein, aber sie hatte eine laute, positive, lustige Art an sich und offensichtlich kein Problem mit ihrem breiten Schwäbisch. Er unterhielt sich mit ihr. Sie hieß Käthe. Hier hatte er Heimvorteil, denn er kam auch aus Baden-Württemberg.
Mochte die ihn auch? Walter war unsicher. Vielleicht hätte er mit dem Kiffen noch etwas warten sollen. Er wusste doch, wie unsicher ihn das unter Fremden machen konnte. Er war dann nur noch mit sich selbst beschäftigt. Unwillkürlich fuhr er sich mir der Hand über die Wangenknochen, den Kiefer. „Walter“, sagte er zu sich selbst, „ Walle, verkrampf nicht so!“ Die Muskeln unter seinen Händen waren hart und angespannt. Wie immer, wenn er sich unwohl fühlte.
Jess war hinaufgegangen ins Tipi zum Singen.
Walter erzählte vielleicht etwas zu aufgekratzt die Geschichte, wie er hierher gekommen war. Es war keine schlechte Geschichte und wenn er gut war, konnte er ne ganze Party unterhalten. Aber er hatte zu unsicher begonnen und erklärte zu viel. Immerhin kam die Message an: „Hey, und ich stand im Stockdunklen auf dieser beschissenen Bundesstraße 30 km von hier auf der Linksabbiegerspur und sprang unbeholfen im Scheinwerferlicht der vorbeirasenden Autos herum. Ne beschissenere Stelle zum trampen gabs weit und breit nicht. In dem Moment hätt ich dieses Esobuch, das ich grad les, mit den Scheißzufällen, die dauernd da drin passieren am liebsten verbrannt. Na, und ich dachte, warum kann ICH nicht mal wieder so nen Zufall geliefert bekommen? In dem Moment bremst nen Auto und hält hundert Meter weiter, die sind da ja ganz schön durchgedonnert, und wer sitzt drin? Nadja. Zu dem Zeitpunkt kenne ich sie aber noch nicht. Und sie erzählt mir: Dass sie schon längst los wollte und dann eigentlich gar nicht mehr, lieber alleine chillen, aber sie dachte, sie sollte doch. Und eigentlich wär sie ne ganz andere Strecke gefahren, aber sie hat sich verfahren und hat mich nur deshalb überhaupt gesehen. Und dann will sie auch noch zu Jess.“
Käthe lacht und sagt „voll coole G´schichte“. Es ist Walters Höhepunkt an diesem Abend. “Spürst du auch langsam die Kekse“, fragt er Käthe. „Ich glaub schon“, sagt sie.
„Scheiße, die hauen doch ganz schön rein“. Walter grinst sie blöde an. Käthe lacht zustimmend.
„Hey, lass uns doch zum Tipi gehen“, sagt Walter und denkt, jetzt hat er den Abend wieder im Griff.
Aber irgendwie bleibt er doch länger verwirrt am Kamin sitzen, Käthe ist schon länger hoch und er muß ein wenig warten, damit er nicht das Gefühl hat, ihr nachzurennen.
Schließlich trottete er durch den Schnee die steil ansteigende Wiese hoch. Oben flachte sie zu einem kleinen Plateau ab. Rechts standen zwei Bauwägen, einer davon gehörte Jess.
Links, etwas abseits war das Tipi. Er schob die ovale Stofftür beiseite und ging gebückt hinein. Es war dunkel und er war in einem schmalen Gang, der einmal rings ums Zelt führte. Das hatte er ganz vergessen. Diese zweite Haut. Verdammt, wo war denn hier der Eingang?
Er strich mit der Hand am Zeltstoff entlang. Von drinnen hörte er Singen. Ach die Zeltbahn hing ja lose herunter. Wahrscheinlich gab´s keinen wirklichen Eingang. Er schob seinen Kopf unter der Bahn drunter durch, dann den Rest des Körpers nach. „Wieso bist du denn nicht durch den Eingang gekommen?“ fragte jemand und „So kann man´s auch machen“.
Walter sah sich ein wenig unsicher um. Etwa ein Dutzend Leute saßen im Kreis. In der Mitte brannte ein Feuer. Jetzt sah er auch den überlappenden Schlitz, wo er problemlos hätte reinkommen können. Er setzte sich einfach dort, wo er war. Bewegte die Hände zur Musik. Von links bekam er eine Kiste gereicht. Von Käthe. Jetzt erst bemerkte er, dass sie direkt neben ihm saß. Riesige getrocknete Bohnenschoten waren darin und nen Schellenkranz und ein paar andere Instrumente, mit denen man Rasseln konnte. Er nahm sich den Schellenkranz.
Scheisse, er wusste doch, wie unsicher er immer erst mit Rythmen war. Jetzt hatte er das Ding vor sich liegen und wollte es gar nicht: Der helle scheppernde Klang war viel zu auffällig. Alle würden hören, wie er immer knapp daneben schlug. Er fühlte sich, als ob er gerade nen Witz gerissen hätte und keiner hatte gelacht.
Das Gras drang unmerklich und in Wellen in sein Hirn ein, war plötzlich einfach da, viel stärker als gerade eben noch, und schien im selben Moment schon immer dagewesen zu sein. Es besetzte und blockierte die Synapsen, bremste hier, beschleunigte dort. Walter bemerkte es gar nicht so richtig. Das war anders als zu kiffen. Da merkte man, wie sich nach dem ersten, kurzen Tabakflash nach und nach das Marihuana im Körper ausbreitete. Wenn es zuviel war, konnte man einfach aufhören, die Tüte weiterreichen.
Bei Keksen hingegen war man einfach völlig ausgeliefert. Die Kontrolle hatte jetzt jemand anderes. Das war auch das Reizvolle am Keksrausch: Sich fallen zu lassen, sich vollkommen hinzugeben.
Walter legte den Schellenkranz neben sich. Doch es schien ihm, als läge das Ding nun völlig überdimensioniert neben ihm rum, während er dasaß wie ein nasser Sack.
Er hob den Blick, ließ ihn im Kreis wandern, die Leute schienen mit sich selbst beschäftigt. Ihm gegenüber saß Malu mit nacktem Oberkörper. Sie war wohl eben aus der Sauna gekommen. „Die hat´s auch ganz schön nötig, dass sie sich hier so präsentiert“, dachte Walter. „wird immer nur als Mutter gesehen. Da muß sie wohl so zeigen, dass sie ne Frau mit Bedürfnissen ist.“ Ihre Blicke streiften sich, blieben aneinander hängen. Walter kam sich ertappt vor. Sein Gesicht grimassierte ein „Hi“, dann sah er unsicher weg. Als er wieder hinschaute, barg Malu ihr Gesicht in ihren Händen, rieb es. Ihre Arme verdeckten die Brüste. Sie war sehr beschäftigt. Es sah aus, wie eine völlig alltägliche Geste. Walter war sich sicher, dass es Scham war, weil er sie so angestarrt und durchschaut hatte.
Er sah viel in den Menschen, was diese zu verbergen suchten oder andere einfach übersahen. Manchmal verwünschte er diese Gabe. Sie stellte ihm immer dann ein Bein, wenn er gerade wieder versuchte, einen auf Macho zu machen. Meistens war es einfach seine Masche. Er fragte und las die Antworten in den Gesichtern, der Stimmfärbung, zwischen den Zeilen. Er war neugierig und verständnisvoll. Aber wenn es um ihn ging, jemand dieses Spiel umdrehte, wurde er schnell nervös. Zu viele Abgründe, für die er lieber andere einspannte.
Und es gab einen zweiten Haken bei der Sache: Walter schaffte manchmal den Absprung vom Empathiesurfen nicht rechtzeitig. Und dann wurde er von regelmäßig von ´ner emotionalen Welle überrollt, bei der er nicht mehr wusste, wo oben und unten war, was seine Meinung und was die der anderen war. Am Ende musste er sich immer wieder der Frage stellen, ob er eigentlich nen meinungsloser Opportunist war.
Das Singen und Rasseln drang von Ferne in seine Gedanken herein. Malu war gegangen. Sein Mund war vollkommen trocken. Diese Musik schwebte über ihm, er konnte sie gar nicht richtig erreichen. Eigentlich war er doch ziemlich musikalisch. Konnte schnell ne zweite Stimme erfinden, improvisieren. Walter schluckte unwillkürlich. Er summte leise vor sich hin, aber ihm fehlte das Gespür für seine Stimme.
„Deine Schuhe glühen“, rief jemand. Er trat damit auf dem mit Stroh ausgelegtem Boden herum. „Immer noch!“. „Eigentlich zieht man die Schuhe im Tipi aus.“ Walter zog die verranzten Nikes von seine Füßen, stellte sie hinter sich. Sie waren ihm auf einmal peinlich. Er kannte doch diese Regel der Hippies. Und wenn, dann passten lederne Ökolatschen sicher besser hierher.
Ach, da saß ja Malu rechts neben ihm. Angezogen. „Hey Malu“, sagte er. „ …sorry wegen der seltsamen Situation vorhin. Ich…wollte dich eigentlich…“ Malu unterbrach ihn. „Wieso, war doch ok. Ich war halt beschäftigt.“ Scheiße, das war schiefgelaufen. „..geht´s denn dir?“ drang noch zu ihm durch. „ Äh, ganz gut.“ Walter faselte irgendwas von seinem Studium und dass er sich noch an Frankfurt gewöhnen musste, aber jetzt…Er hörte sich selber zu. Normalerweise glaubte er sich seine Worte. Jetzt klangen sie hohl und leer, abgespult. Bröckelnde Tünche an ´ner Betonwand. „Und dir?“ schloß er unsicher.
„Mir geht’s gut“, sagte Malu kurz und bestimmt. Stimmt, so konnte man das ja auch machen. Walter ging kurz ein paar Fragen durch. Ne, nach den Kinder wollte er jetzt nicht fragen. Darüber wollte sie jetzt sicher nicht reden. Er schnappte nach Luft und schwieg. Seine Füße wurden langsam warm, jetzt wo sie aus den nassen Schuhen waren.
Er sah nochmal zu Malu rüber. Da war so ein Nachhall in ihren Worten. Dieses mir geht’s gut, war das nicht zu kurz und glatt gewesen? Und der gesenkte Blick vorhin, weil er etwas in ihr gesehen hatte. Er musterte sie. Nein, der ging´s nicht so gut. Klar, vorhin, nach der Sauna, da hatte sie gelacht. Halle dazugehört zu nackten Masse, war Teil davon. So was gefiel ihr immer. Aber jetzt? Nein, glücklich war sie sicher nicht. Und Tusnelda neben ihr. Und diese Frauenyogatreffen. Irgendwas stimmte doch nicht mit denen. In dem Moment ließ Jess ihr hämisches, abschätziges Lachen hören, das sie immer besonders anwendete, um Männer bloßzustellen. Es hatte Walter auch schon getroffen, als er von ner Frau nen Korb kassiert hatte, für die er grade ne Freundin von Jess abgeschossen hatte. Eigentlich mochte er sie ja. Aber bei solchen Sachen war er unheimlich sensibel. Um genau zu sein, war er immer sehr sensibel. Die hat auch nen Thema mit Männern, dachte er jetzt nur. Überhaupt war er in letzter Zeit seltsamen Frauen begegnet: Zweimal hatte er in den letzten Monaten Frauen kennengelernt, die Bulimie hatten. Mit der einen hatte er ne Affäre gehabt, mit der anderen nur fast. Und dieses Buch dass er las. Sprach es nicht davon, dass sich seltsame Zufälle häufen würden? So sehr, dass wir beginnen, zu hinterfragen, ob es wirklich noch Zufälle sind. Oder ob nicht doch ein tieferer Sinn in diesen Begegnungen steckte?
Und hatte er nicht in letzter Zeit immer wieder solche Begegnungen gehabt? Begegnungen, die wesentlich bizarrer waren als ne Frau beim Trampen zu treffen, die zur gleichen Party will wie man selbst. Begegnungen, bei denen man blöd wäre, sie einfach als Zufälle abzutun.
Wieso zur Hölle hatte er so ein seltsames Gefühl, wenn er die Frauen hier beobachtete? Wieso sahen sie so unglücklich aus? Und wieso registrierte er das so stark? Was sollte er da rausfinden? Gab es etwa einen Zusammenhang? Walter hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Irgendwas stimmte hier einfach nicht. Und was hatte das Ganze hier mit ihm zu tun? Wieso musste ausgerechnet er so ein sensibles Gespür haben?
Walter merkte, wie er Angst bekam. Angst vor diesen Menschen und dem, was sie verbargen. Vielleicht sogar vor sich selbst. In diesem Moment wäre er gerne sehr weit weg gewesen.
"Ach, die Hippies werden da schon nicht so viel reingetan haben“, dachte Walter ein wenig abschätzig. "Zum Mantrensingen muss es ja noch reichen und die ganzen Chakren wollen auch nicht so durcheinender gewirbelt sein." Zwei Kekse für den Anfang sollten Genügen. Er gab die Dose weiter. Die Leute saßen im alten Pferdestall um den offenen Kamin herum. Es war viel zu kalt um draußen zu feiern, aber darum kümmert sich ja so ein Vollmond nicht. Am Buffet gab es allerlei Gematschtes: braunes, dickflüssiges Zeug, das nahrhaft, irgendwie salzig und von ähnlicher Konsistenz war, wie der Durchfall, den es produzierte. Walter war nicht direkt nen Hippie, auch wenn er mit seinen Dreads und dem alten Norwegerpulli, den er heute extra angezogen hatte, gut ins Bild passte.
Alle 10 Minuten öffnete sich die niedrige Tür zur Sauna und lachend und kreischend quollen dampfend ein paar behaarte Nackte heraus um wenig später genauso schnell wieder hinter der Tür zu verschwinden.
Krämer dachte einen Augenblick über die Möglichkeit nach, Teil der verschwitzten Meute zu werden, verwarf sie aber dann: So ruhig in der Sauna zu sitzen, dazu war er noch zu zappelig. "Später vielleicht", murmelte er vor sich hin und zog selbstvergessen an der wurstförmigen, schlecht gedrehten Tüte. Er kannte nur wenige der Leute hier. natürlich Jess, die eingeladen hatte und Olaf mit dem meckernden Lachen, der früher Mal mit Maren zusammengewesen war. Und Malu, die gerade mit wogenden Brüsten durch den Schnee gerannt war. Er hätte sie gerne umarmt, aber er wusste nicht, was sie davon halten würde, so nackt, wie sie war. Also hatten sie sich nur zweimal gegrüßt und wenn er jetzt so darüber nachdachte, hatte sie ihn gar nicht so richtig wahrgenommen. Schließlich war er doch nie hier, und sie hatte ihn mal toll gefunden. Vielleicht war das einfach ihr Gebiet, ihr Revier hier, und er konnte nicht damit rechnen, dass er sie beeindrucken konnte, so unscheinbar, wie er hier saß.
Walter beobachtete die anderen. Das Mädchen mit den hellbraunen, schulterlangen Haaren, das aussah wie ein pubertierender Junge. Und Tusnelda mit den vorstehenden Zähnen, die ihm immer noch ihre Ökorundmails schickte. Er konnte sie noch nie leiden. Jedes Mal, wenn er sie sah, fragte er sich, wie man jemand so nennen konnte. Die anderen nannten sie Nelda, das ging ja noch. Walter hatte einen Hang dazu, Leute, die ihm fremd und nicht gleich sehr zuvorkommend behandelten, abzuwerten. Er hielt sich für einen großen Individualisten, sehr reflektiert, äußerst verständnisvoll, glaubte an seinen scharfen Verstand, seine grenzenlose Phantasie und hielt sich für unwiderstehlich, wenigstens aber für die Hauptfigur jedes Geschehens. Man könnte das für vermessen halten, aber im Grunde genommen hatte er ja Recht:
Er war nun mal er, wenn ihm auch nicht ganz klar war, wie sein ich ausgerechnet in diesen Körper gekommen war. Und da war es allemal besser, den Kerl, mit dem man zwangsläufig sein ganzes Leben verbrachte, immerhin schon 31 Jahre also, zu mögen und in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Natürlich scheiterte er immer wieder an seinen eigenen Ansprüchen. An guten Tagen konnte er über sich selber lachen, an schlechten - wie heute - verlor er rasch sein ganzes Selbstvertrauen und fand sein Ego dann - platt gedrückt von seinen enttäuschten Erwartungen - wie eine Wanze über den Boden kriechen und abstoßend stinkend wieder.
Immerhin, die eine mit den rotbraunen Haaren gefiel ihm - mühsam riss Walter sich von seinen Gedanken los. Nicht, dass sie so hübsch gewesen wäre, nein, aber sie hatte eine laute, positive, lustige Art an sich und offensichtlich kein Problem mit ihrem breiten Schwäbisch. Er unterhielt sich mit ihr. Sie hieß Käthe. Hier hatte er Heimvorteil, denn er kam auch aus Baden-Württemberg.
Mochte die ihn auch? Walter war unsicher. Vielleicht hätte er mit dem Kiffen noch etwas warten sollen. Er wusste doch, wie unsicher ihn das unter Fremden machen konnte. Er war dann nur noch mit sich selbst beschäftigt. Unwillkürlich fuhr er sich mir der Hand über die Wangenknochen, den Kiefer. „Walter“, sagte er zu sich selbst, „ Walle, verkrampf nicht so!“ Die Muskeln unter seinen Händen waren hart und angespannt. Wie immer, wenn er sich unwohl fühlte.
Jess war hinaufgegangen ins Tipi zum Singen.
Walter erzählte vielleicht etwas zu aufgekratzt die Geschichte, wie er hierher gekommen war. Es war keine schlechte Geschichte und wenn er gut war, konnte er ne ganze Party unterhalten. Aber er hatte zu unsicher begonnen und erklärte zu viel. Immerhin kam die Message an: „Hey, und ich stand im Stockdunklen auf dieser beschissenen Bundesstraße 30 km von hier auf der Linksabbiegerspur und sprang unbeholfen im Scheinwerferlicht der vorbeirasenden Autos herum. Ne beschissenere Stelle zum trampen gabs weit und breit nicht. In dem Moment hätt ich dieses Esobuch, das ich grad les, mit den Scheißzufällen, die dauernd da drin passieren am liebsten verbrannt. Na, und ich dachte, warum kann ICH nicht mal wieder so nen Zufall geliefert bekommen? In dem Moment bremst nen Auto und hält hundert Meter weiter, die sind da ja ganz schön durchgedonnert, und wer sitzt drin? Nadja. Zu dem Zeitpunkt kenne ich sie aber noch nicht. Und sie erzählt mir: Dass sie schon längst los wollte und dann eigentlich gar nicht mehr, lieber alleine chillen, aber sie dachte, sie sollte doch. Und eigentlich wär sie ne ganz andere Strecke gefahren, aber sie hat sich verfahren und hat mich nur deshalb überhaupt gesehen. Und dann will sie auch noch zu Jess.“
Käthe lacht und sagt „voll coole G´schichte“. Es ist Walters Höhepunkt an diesem Abend. “Spürst du auch langsam die Kekse“, fragt er Käthe. „Ich glaub schon“, sagt sie.
„Scheiße, die hauen doch ganz schön rein“. Walter grinst sie blöde an. Käthe lacht zustimmend.
„Hey, lass uns doch zum Tipi gehen“, sagt Walter und denkt, jetzt hat er den Abend wieder im Griff.
Aber irgendwie bleibt er doch länger verwirrt am Kamin sitzen, Käthe ist schon länger hoch und er muß ein wenig warten, damit er nicht das Gefühl hat, ihr nachzurennen.
Schließlich trottete er durch den Schnee die steil ansteigende Wiese hoch. Oben flachte sie zu einem kleinen Plateau ab. Rechts standen zwei Bauwägen, einer davon gehörte Jess.
Links, etwas abseits war das Tipi. Er schob die ovale Stofftür beiseite und ging gebückt hinein. Es war dunkel und er war in einem schmalen Gang, der einmal rings ums Zelt führte. Das hatte er ganz vergessen. Diese zweite Haut. Verdammt, wo war denn hier der Eingang?
Er strich mit der Hand am Zeltstoff entlang. Von drinnen hörte er Singen. Ach die Zeltbahn hing ja lose herunter. Wahrscheinlich gab´s keinen wirklichen Eingang. Er schob seinen Kopf unter der Bahn drunter durch, dann den Rest des Körpers nach. „Wieso bist du denn nicht durch den Eingang gekommen?“ fragte jemand und „So kann man´s auch machen“.
Walter sah sich ein wenig unsicher um. Etwa ein Dutzend Leute saßen im Kreis. In der Mitte brannte ein Feuer. Jetzt sah er auch den überlappenden Schlitz, wo er problemlos hätte reinkommen können. Er setzte sich einfach dort, wo er war. Bewegte die Hände zur Musik. Von links bekam er eine Kiste gereicht. Von Käthe. Jetzt erst bemerkte er, dass sie direkt neben ihm saß. Riesige getrocknete Bohnenschoten waren darin und nen Schellenkranz und ein paar andere Instrumente, mit denen man Rasseln konnte. Er nahm sich den Schellenkranz.
Scheisse, er wusste doch, wie unsicher er immer erst mit Rythmen war. Jetzt hatte er das Ding vor sich liegen und wollte es gar nicht: Der helle scheppernde Klang war viel zu auffällig. Alle würden hören, wie er immer knapp daneben schlug. Er fühlte sich, als ob er gerade nen Witz gerissen hätte und keiner hatte gelacht.
Das Gras drang unmerklich und in Wellen in sein Hirn ein, war plötzlich einfach da, viel stärker als gerade eben noch, und schien im selben Moment schon immer dagewesen zu sein. Es besetzte und blockierte die Synapsen, bremste hier, beschleunigte dort. Walter bemerkte es gar nicht so richtig. Das war anders als zu kiffen. Da merkte man, wie sich nach dem ersten, kurzen Tabakflash nach und nach das Marihuana im Körper ausbreitete. Wenn es zuviel war, konnte man einfach aufhören, die Tüte weiterreichen.
Bei Keksen hingegen war man einfach völlig ausgeliefert. Die Kontrolle hatte jetzt jemand anderes. Das war auch das Reizvolle am Keksrausch: Sich fallen zu lassen, sich vollkommen hinzugeben.
Walter legte den Schellenkranz neben sich. Doch es schien ihm, als läge das Ding nun völlig überdimensioniert neben ihm rum, während er dasaß wie ein nasser Sack.
Er hob den Blick, ließ ihn im Kreis wandern, die Leute schienen mit sich selbst beschäftigt. Ihm gegenüber saß Malu mit nacktem Oberkörper. Sie war wohl eben aus der Sauna gekommen. „Die hat´s auch ganz schön nötig, dass sie sich hier so präsentiert“, dachte Walter. „wird immer nur als Mutter gesehen. Da muß sie wohl so zeigen, dass sie ne Frau mit Bedürfnissen ist.“ Ihre Blicke streiften sich, blieben aneinander hängen. Walter kam sich ertappt vor. Sein Gesicht grimassierte ein „Hi“, dann sah er unsicher weg. Als er wieder hinschaute, barg Malu ihr Gesicht in ihren Händen, rieb es. Ihre Arme verdeckten die Brüste. Sie war sehr beschäftigt. Es sah aus, wie eine völlig alltägliche Geste. Walter war sich sicher, dass es Scham war, weil er sie so angestarrt und durchschaut hatte.
Er sah viel in den Menschen, was diese zu verbergen suchten oder andere einfach übersahen. Manchmal verwünschte er diese Gabe. Sie stellte ihm immer dann ein Bein, wenn er gerade wieder versuchte, einen auf Macho zu machen. Meistens war es einfach seine Masche. Er fragte und las die Antworten in den Gesichtern, der Stimmfärbung, zwischen den Zeilen. Er war neugierig und verständnisvoll. Aber wenn es um ihn ging, jemand dieses Spiel umdrehte, wurde er schnell nervös. Zu viele Abgründe, für die er lieber andere einspannte.
Und es gab einen zweiten Haken bei der Sache: Walter schaffte manchmal den Absprung vom Empathiesurfen nicht rechtzeitig. Und dann wurde er von regelmäßig von ´ner emotionalen Welle überrollt, bei der er nicht mehr wusste, wo oben und unten war, was seine Meinung und was die der anderen war. Am Ende musste er sich immer wieder der Frage stellen, ob er eigentlich nen meinungsloser Opportunist war.
Das Singen und Rasseln drang von Ferne in seine Gedanken herein. Malu war gegangen. Sein Mund war vollkommen trocken. Diese Musik schwebte über ihm, er konnte sie gar nicht richtig erreichen. Eigentlich war er doch ziemlich musikalisch. Konnte schnell ne zweite Stimme erfinden, improvisieren. Walter schluckte unwillkürlich. Er summte leise vor sich hin, aber ihm fehlte das Gespür für seine Stimme.
„Deine Schuhe glühen“, rief jemand. Er trat damit auf dem mit Stroh ausgelegtem Boden herum. „Immer noch!“. „Eigentlich zieht man die Schuhe im Tipi aus.“ Walter zog die verranzten Nikes von seine Füßen, stellte sie hinter sich. Sie waren ihm auf einmal peinlich. Er kannte doch diese Regel der Hippies. Und wenn, dann passten lederne Ökolatschen sicher besser hierher.
Ach, da saß ja Malu rechts neben ihm. Angezogen. „Hey Malu“, sagte er. „ …sorry wegen der seltsamen Situation vorhin. Ich…wollte dich eigentlich…“ Malu unterbrach ihn. „Wieso, war doch ok. Ich war halt beschäftigt.“ Scheiße, das war schiefgelaufen. „..geht´s denn dir?“ drang noch zu ihm durch. „ Äh, ganz gut.“ Walter faselte irgendwas von seinem Studium und dass er sich noch an Frankfurt gewöhnen musste, aber jetzt…Er hörte sich selber zu. Normalerweise glaubte er sich seine Worte. Jetzt klangen sie hohl und leer, abgespult. Bröckelnde Tünche an ´ner Betonwand. „Und dir?“ schloß er unsicher.
„Mir geht’s gut“, sagte Malu kurz und bestimmt. Stimmt, so konnte man das ja auch machen. Walter ging kurz ein paar Fragen durch. Ne, nach den Kinder wollte er jetzt nicht fragen. Darüber wollte sie jetzt sicher nicht reden. Er schnappte nach Luft und schwieg. Seine Füße wurden langsam warm, jetzt wo sie aus den nassen Schuhen waren.
Er sah nochmal zu Malu rüber. Da war so ein Nachhall in ihren Worten. Dieses mir geht’s gut, war das nicht zu kurz und glatt gewesen? Und der gesenkte Blick vorhin, weil er etwas in ihr gesehen hatte. Er musterte sie. Nein, der ging´s nicht so gut. Klar, vorhin, nach der Sauna, da hatte sie gelacht. Halle dazugehört zu nackten Masse, war Teil davon. So was gefiel ihr immer. Aber jetzt? Nein, glücklich war sie sicher nicht. Und Tusnelda neben ihr. Und diese Frauenyogatreffen. Irgendwas stimmte doch nicht mit denen. In dem Moment ließ Jess ihr hämisches, abschätziges Lachen hören, das sie immer besonders anwendete, um Männer bloßzustellen. Es hatte Walter auch schon getroffen, als er von ner Frau nen Korb kassiert hatte, für die er grade ne Freundin von Jess abgeschossen hatte. Eigentlich mochte er sie ja. Aber bei solchen Sachen war er unheimlich sensibel. Um genau zu sein, war er immer sehr sensibel. Die hat auch nen Thema mit Männern, dachte er jetzt nur. Überhaupt war er in letzter Zeit seltsamen Frauen begegnet: Zweimal hatte er in den letzten Monaten Frauen kennengelernt, die Bulimie hatten. Mit der einen hatte er ne Affäre gehabt, mit der anderen nur fast. Und dieses Buch dass er las. Sprach es nicht davon, dass sich seltsame Zufälle häufen würden? So sehr, dass wir beginnen, zu hinterfragen, ob es wirklich noch Zufälle sind. Oder ob nicht doch ein tieferer Sinn in diesen Begegnungen steckte?
Und hatte er nicht in letzter Zeit immer wieder solche Begegnungen gehabt? Begegnungen, die wesentlich bizarrer waren als ne Frau beim Trampen zu treffen, die zur gleichen Party will wie man selbst. Begegnungen, bei denen man blöd wäre, sie einfach als Zufälle abzutun.
Wieso zur Hölle hatte er so ein seltsames Gefühl, wenn er die Frauen hier beobachtete? Wieso sahen sie so unglücklich aus? Und wieso registrierte er das so stark? Was sollte er da rausfinden? Gab es etwa einen Zusammenhang? Walter hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Irgendwas stimmte hier einfach nicht. Und was hatte das Ganze hier mit ihm zu tun? Wieso musste ausgerechnet er so ein sensibles Gespür haben?
Walter merkte, wie er Angst bekam. Angst vor diesen Menschen und dem, was sie verbargen. Vielleicht sogar vor sich selbst. In diesem Moment wäre er gerne sehr weit weg gewesen.
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